Modernes Babylon ?

Auf der Suche nach einem geeigneten Hotel für einen bevorstehenden Aufenthalt in einer deutschen Großstadt stoße ich in einer Hotelbeschreibung auf folgenden Absatz:

„xxx is a modern Babel. With a bustling, cosmopolitan atmosphere, imposing architecture, glamorous shopping districts, pleasantly grimy nightlife and almost one in three of the people living there not holding a German passport, it truly is Germany’s most international city. … Much like the hotel, xxx is a plug-and-play kinda place that caters to fun seekers, thrill hunters and culture buffs alike.“

Was auch immer man nun selbst von der Stadt xxx hält, frage ich mich, ob der Autor wusste, was er da schreibt. Wenn ihm die biblische Bedeutung Babels nicht bewusst war, tut er dieser Stadt wahrlich keinen Gefallen, wenn er sie mit dem Bauprojekt eines übermütigen Volkes vergleicht, das einen Turm bis zum Himmel bauen wollte (oder ein ‚Tor der Götter‘, so die akkadische Bedeutung des Namens ‚Babylon‘). Allerdings passen einige Teile der obigen Beschreibung der Stadt ja genau zu dieser Charakterisierung der Menschen. Oder hat der Autor etwa bei vollem Bewusstsein und absichtlich diesen Vergleich gewählt, um all die vergnügungssüchtigen, den Nervenkitzel suchenden Kulturliebhaber anzulocken und mit ihnen den Turm weiterzubauen?

Unabhängig davon, ob der Stadt xxx aus diesem einen Absatz möglicherweise ein Schaden oder Nutzen erwächst oder nicht, steht diese kleine Episode doch beispielhaft für die Kommunikation der heutigen Zeit. Wir leben in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst und in der die verschiedenen Völker immer mehr Kontakt miteinander haben. Dabei wollen sie sich zunehmend einer (vermeintlich) einheitlichen Sprache bedienen – doch selbst dabei kann man sich nicht sicher sein, ob sie sich wirklich verstehen (wollen). Babel lässt grüßen …

Egal, ich muss zum Arbeiten in diese Stadt und hoffe, dass ihre Bewohner bis dahin noch nicht wegen ihres sündhaften Hochmuts in alle Winde zerstreut wurden.

Eselsbrücken und sprachliche Tücken

Wer hätte nicht schon einmal eine Eselsbrücke benutzt als Merkhilfe oder Gedächtnisstütze?

Doch was hat ausgerechnet der sprichwörtlich als „stur“ oder „dumm“ geltende Esel damit zu tun? Wer Esel kennt, weiß: Sie sind keineswegs dumm, sondern vor allem vorsichtig. Unbekanntem gegenüber daher misstrauisch und bisweilen sehr störrisch, wenn sie etwas tun sollen, was sie nicht wollen. Zum Beispiel, sich durch einen Bach führen lassen. Weil sie das undurchsichtige Wasser beängstigt. Daher baute man den in früheren Zeiten als Transportmittel beliebten Packeseln sogar Brücken über noch so kleine Wasserläufe, um sie mit ihren Lasten ans andere Ufer zu bringen.

Im Bild bleibend: Die Eselsbrücke verschafft unserem manchmal störrischen Gehirn leichteren Zugang zu Dingen, die es sich merken soll.

Und noch eine Analogie aus unserer Welt der Sprachmittler: So wie ein Esel der spiegelnden Wasseroberfläche misstraut, wird ein versierter Dolmetscher, dessen Aufgabe es ja ist, gedankliche Bilder und Sachverhalte von einem sprachlichen Ufer ans andere zu transportieren, in aller Regel das Gesagte nicht einfach „wörtlich“ übersetzen, weil er weiß, welche Gefahren unter der trügerischen „Wortoberfläche“ lauern können. Woraus man nun aber bitte nicht schließen sollte, dass es auch in anderer Hinsicht Parallelen zwischen dem Lasttier und dem Berufsstand derer gibt, die inhaltliches Gut von einer Sprache in die andere hinübertragen!

Als englische Übersetzung für die „Eselsbrücke“ wäre beispielsweise „donkey bridge“ völlig unverständlich – es sei denn, man meint damit tatsächlich eine auf frühere Zeiten verweisende Ortsbezeichnung.

In der Bedeutung als Merkhilfe oder Gedächtnisstütze wäre „mnemonic device“ oder „mnemonic“ eine äquivalente Entsprechung.

Zurückgehend auf den ursprünglich in der Philosophie und Geometrie angesiedelten lateinischen Begriff „pons asinorum“ aus dem Mittelalter gibt es im Englischen zwar auch die Metapher „bridge of asses“. Sie steht aber heute – wie auch „pont aux ânes“ im Französischen – für ein scheinbares Problem, das aus Unwissenheit oder Dummheit für unüberwindbar gehalten wird.

Den Ruf des arg beschränkten Gesellen hat das sympathische Grautier so oder so wohl für alle Zeiten weg.

Online-Übersetzer – es hätte schlimmer kommen können

Kurioses von den Olympischen Winterspielen in Südkorea: Verschiedene Medien haben über die Eierbestellung für das norwegische Olympiateam berichtet. Die Köche, die die skandinavischen Skijäger und Schanzenspringer versorgen, wollten eigentlich 1500 Eier haben; doch durch einen Fehler bei der Übersetzung mit Hilfe eines Online-Übersetzungsprogramms wurden letztlich 15.000 Eier angeliefert. Da wären wohl so manchem Sportler die Eier zu den Ohren wieder rausgekommen – doch zum Glück konnten die zu viel bestellten Eier wieder zurückgegeben werden.

Unter anderen Umständen kann so was auch mal richtig ins Auge gehen, man denke nur an eine Bilanzpressekonferenz oder ein internationales Regierungstreffen …

Achtung Sprachkünstler – neue englische Begriffe !

Die Sprache lebt ja bekanntlich. Dem will sich auch das Oxford English Dictionary nicht verschließen und hat nun einige neue Begriffe aufgenommen, die sich im mündlichen Sprachgebrauch bereits etabliert haben. Aus Sicht der Sprachentwicklung ist sicher der Begriff „woke“ sehr interessant; seine ursprüngliche Bedeutung von „gut informiert, auf dem Laufenden“ hat sich vornehmlich durch den Gebrauch in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung afro-amerikanischer Mitbürger verengt auf die politische Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung und Unterdrückung.

Für Übersetzer und Dolmetscher dürfte auch „post-truth“ als Äquivalent zum deutschen „Postfaktischen“ hilfreich sein. Zum Schmunzeln hingegen ist die neue Verwendung von „son of a bachelor“ als Ausdruck der Verachtung.

Einen kurzen Überblick über die Neuaufnahmen in das Standardwörterbuch der englischen Sprache bietet unter anderem ein Artikel auf Spiegel Online.

Russische Steppe oder Südanatolien – die Herkunft unserer Sprache

Zwar herrscht unter Linguisten und Archäologen Einigkeit dahingehend, dass das Hethitische die älteste schriftlich belegte indoeuropäische Sprache ist – und auch, dass sich aus dieser Sprache heraus viele der heutigen Sprachen Europas entwickelt haben. Doch wo diese Ursprache zuerst gesprochen wurde, darüber streiten sich die Gelehrten auch heute noch. Die einen siedeln den Ursprung in den russischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres an, andere favorisieren Südanatolien. Zusätzliche Brisanz erhielt die Diskussion durch die Arbeiten eines Evolutionspsychologen, der mit Hilfe eines Computerprogramms eine Art linguistischen Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen aufbaute – und dabei die Wurzeln dieser Sprachfamilie auch in Südanatolien ansiedelte.

Der komplette, nicht nur für Sprachwissenschaftler und -anwender interessante Artikel ist hier in der Stuttgarter Zeitung nachzulesen.