Was haben Dolmetscher mit Boutique-Hotels zu tun ?

Auf dem Dolmetschermarkt ist seit einigen Jahren ein zunehmender Trend zu regionalen Zusammenschlüssen von Dolmetschern zu beobachten, durch die Kunden zum einen breiter angesprochen und zum anderen besser bedient werden können – sicherlich ein sinnvoller und für Kunden positiver Ansatz. Daneben wird vor allem seit Beginn der Corona-Krise eine Tendenz zum Dolmetschen aus der Ferne bzw. über das Internet (Remote Simultaneous Interpreting) registriert. Wenngleich diese Arbeitsweise angesichts der Einschränkungen durch die Pandemie manchmal die einzige Möglichkeit darstellt, überhaupt mehrsprachige Veranstaltungen und Besprechungen mit Simultanübersetzung durchzuführen, birgt sie doch auch gewisse Risiken und Gefahren. Denn abgesehen von der grundsätzlich schlechteren Tonqualität bei einer Übertragung des gesprochenen Worts über das Internet fördert diese Entwicklung auch einen weiteren Trend – zur Bereitstellung von Dolmetschleistungen auf digitalen und anonymen Plattformen. Aus den USA kommend, präsentiert sich in Europa beispielsweise ein Anbieter einer digitalen Internet-Lösung, über die sowohl die technische Plattform für eine Veranstaltung per se als auch die „zugehörigen“ Dolmetscher per Mausklick bestellt werden können. Ein Algorithmus wählt daraufhin die bei der Plattform registrierten Dolmetscher entsprechend deren (selbst erstellten) Profilen aus und weist sie der Veranstaltung zu. Das mag aus Kundensicht einfach und bequem erscheinen, doch einer hohen Qualität der Dolmetschleistung ist es nur wenig zuträglich.

Wo aber kommen denn nun die Boutique-Hotels ins Spiel?

In der Hotellerie gibt es schon seit längerer Zeit die großen Hotelketten, die einen einheitlichen Standard festlegen, der in allen zugehörigen Häusern eingehalten werden muss. So findet man dann in Hotels einer Kette immer denselben Zimmergrundriss, dieselbe Badezimmerausstattung und dieselben Bettbezüge bis hin zum selben Toilettenpapier vor. Um sich dieser Tendenz zur einförmigen Einheitlichkeit zu entziehen, haben sich zunächst einzelne und dann immer mehr Häuser als Boutique-Hotels positioniert. Ein Boutique-Hotel ist eine eher gehobene Unterkunft, die sich mit hohem Service, einer gästeorientierten Atmosphäre und einem außergewöhnlichem Design von anderen Hotels unterscheidet und damit auf ein hohes Maß an Kundenzufriedenheit abzielt. Natürlich hat diese Art der Unterbringung auch ihren Preis, aber dafür können sich die Gäste sicher sein, dass ihre spezifischen Bedürfnisse und Wünsche auch rundum erfüllt werden.

Die im Dolmetschmarkt vermehrt auftretenden Internet-Plattformen mit Rundumangebot inklusive der Dolmetscher sind mit den großen Hotelketten vergleichbar – allerdings mit einem großen Unterschied: Bei einer Hotelkette weiß man zumindest, dass man an allen Standorten immer denselben Service und dieselbe Qualität bekommt. Bei einer anonymen Dolmetschplattform gilt das jedoch nur für die Technik, aber nicht unbedingt für die „zugeteilten“ Dolmetscher. Und darüber hinaus kann ein Kunde oder Nutzer eines solchen Komplettangebots nicht mit den Dolmetschern in Kontakt treten, um sich vor der Beauftragung einen eigenen Eindruck von den Dienstleistern zu machen oder um wichtige Details der Veranstaltung oder Besprechung zu erörtern. Doch genau dieser direkte Kontakt zum Kunden ist den qualitäts- und kundenorientierten „traditionellen“ Dolmetschern sehr wichtig. Sie suchen diesen Kontakt, um wichtige Details für die Angebotserstellung, letzte Änderungen der Tagesordnung oder die von den einzelnen Rednern verwendete Sprache zu erfragen, spezielle Fachbegriffe oder technische Konzepte abzuklären (damit diese dann auch korrekt übersetzt werden) oder sonstige besondere Anforderungen der Kunden zu ermitteln. Eine derartige Vorbereitung und Abstimmung trägt wesentlich zur Qualität und Präzision der erbrachten Übersetzung und damit zum Erfolg einer Veranstaltung bei. Vor diesem Hintergrund sind sich solche qualitäts- und kundenorientiert auftretenden Dolmetscher mit Boutique-Hotels vergleichbar – auch wenn man auf den ersten Blick die beiden Begriffe „Dolmetscher“ und „Boutique“ in zwei gänzlich verschiedenen Welten verorten würde. Aber vor 20 Jahren wusste wohl auch noch niemand, was ein Boutique-Hotel ist …

Tag der Muttersprache

Am heutigen 21. Februar feiert die UNESCO zum 20. Mal den internationalen Tag der Muttersprache. Dabei liegt das Hauptaugenmerk in diesem Jahr auf dem Erhalt indigener Sprachen, die vielfach vom Verschwinden bedroht sind.

Sicherlich sind einige andere, vor allem westliche Sprachen durch die zunehmende Verbreitung und Anwendung des Englischen nicht unbedingt vom Aussterben bedroht – aber eine sprachliche Verarmung ist bei so mancher europäischen Sprache durchaus festzustellen, insbesondere, wenn für internationale Konferenzen in Politik und Wirtschaft oder auch bei der unternehmensinternen Kommunikation Englisch als gemeinsamer Standard gesetzt ist. Abgesehen von der dadurch gesunkenen Qualität und Präzision der Kommunikation laufen in einem derartigen Kontext alle anderen Sprachen Gefahr, an den Rand gedrängt oder durch eine zunehmende Zahl von übernommenen Anglizismen zu einer Untersprache des Englischen zu verkümmern.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich gerade an diesem Tag, auf die große, identitätsstiftende Bedeutung aller Muttersprachen hinzuweisen.