Treffen sich ein Franzose und ein Australier, …

Liest man diese ersten Worte, erwartet man ja in der Regel einen Witz. Nun würden zwar böse Zungen heutzutage auch eine Zusammenkunft zweier Präsidenten als Witz bezeichnen, und ein gewisses Lächeln huscht einem beim Lesen dieser Story auch über die Lippen – doch in einem anderen Kontext könnte man sich auch ernstere Konsequenzen ausmalen:

Bei seinem Staatsbesuch in Australien hat der französische Präsident Macron die Gattin seines australischen Gastgebers als „lecker“ oder „köstlich“ gelobt – als ob er sie gerade vernascht hätte. Doch das wollen wir dem neuen Star am europäischen Politikhimmel nun mal nicht unterstellen. Er hat sich wohl nur von einem falschen Freund reinlegen lassen. Denn das französische „délicieux“ drückt tatsächlich sowohl eine kulinarische Begeisterung als auch eine allgemeine Wertschätzung einer Person im Sinne von „reizend“ aus. Doch leider ist das englische „delicious“ rein auf die Kulinarik beschränkt.

Wenn man sich nun vorstellt, dass sich die Präsidenten zweier Atommächte treffen,
so ließe sich der Titel dieses delikaten Beitrags wohl am besten vervollständigen mit
„ … sollten sie einen Dolmetscher dabei haben“.

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Wörtlich wiedergeben oder sprachlich anpassen – auch für Journalisten nicht immer einfach

In einem Blog der britischen Tageszeitung ‚The Guardian‘ beschreibt Saptarshi Ray ein journalistisches Dilemma, das uns Dolmetschern nicht ganz fremd ist: Wie geht ein Journalist in einem zu verfassenden Artikel mit Zitaten um, die idiomatisch nicht ganz passen. Dabei bringt er mehrere Beispiele an, bei denen sich Menschen, deren Muttersprache nicht Englisch ist, auf Englisch ausdrücken, dabei jedoch idiomatische Konzepte verwenden, die es nur in ihrer Muttersprache gibt. In der Dolmetscherwelt würde das einem Redner entsprechen, der auf Deutsch davon spricht, dass er jemandem „nicht die Kerze reichen kann“ – was zwar die wörtliche Übersetzung von „to hold a candle to sb.“ ist, aber im Deutschen mit „jemandem das Wasser reichen“ wiedergegeben würde.

Saptarshi Ray und andere Redakteure des ‚Guardian‘ sind sich einig, dass die Antworten von Interviewpartnern generell glattgebügelt, also geschmeidig und verständlich – aber immer originalgetreu – formuliert werden sollten. Und auch dem wiederum kann man sich als Dolmetscher nur anschließen.

Dieser höchst interessante Beitrag im ‚Guardian‘ ist hier zu finden.