Eselsbrücken und sprachliche Tücken

Wer hätte nicht schon einmal eine Eselsbrücke benutzt als Merkhilfe oder Gedächtnisstütze?

Doch was hat ausgerechnet der sprichwörtlich als „stur“ oder „dumm“ geltende Esel damit zu tun? Wer Esel kennt, weiß: Sie sind keineswegs dumm, sondern vor allem vorsichtig. Unbekanntem gegenüber daher misstrauisch und bisweilen sehr störrisch, wenn sie etwas tun sollen, was sie nicht wollen. Zum Beispiel, sich durch einen Bach führen lassen. Weil sie das undurchsichtige Wasser beängstigt. Daher baute man den in früheren Zeiten als Transportmittel beliebten Packeseln sogar Brücken über noch so kleine Wasserläufe, um sie mit ihren Lasten ans andere Ufer zu bringen.

Im Bild bleibend: Die Eselsbrücke verschafft unserem manchmal störrischen Gehirn leichteren Zugang zu Dingen, die es sich merken soll.

Und noch eine Analogie aus unserer Welt der Sprachmittler: So wie ein Esel der spiegelnden Wasseroberfläche misstraut, wird ein versierter Dolmetscher, dessen Aufgabe es ja ist, gedankliche Bilder und Sachverhalte von einem sprachlichen Ufer ans andere zu transportieren, in aller Regel das Gesagte nicht einfach „wörtlich“ übersetzen, weil er weiß, welche Gefahren unter der trügerischen „Wortoberfläche“ lauern können. Woraus man nun aber bitte nicht schließen sollte, dass es auch in anderer Hinsicht Parallelen zwischen dem Lasttier und dem Berufsstand derer gibt, die inhaltliches Gut von einer Sprache in die andere hinübertragen!

Als englische Übersetzung für die „Eselsbrücke“ wäre beispielsweise „donkey bridge“ völlig unverständlich – es sei denn, man meint damit tatsächlich eine auf frühere Zeiten verweisende Ortsbezeichnung.

In der Bedeutung als Merkhilfe oder Gedächtnisstütze wäre „mnemonic device“ oder „mnemonic“ eine äquivalente Entsprechung.

Zurückgehend auf den ursprünglich in der Philosophie und Geometrie angesiedelten lateinischen Begriff „pons asinorum“ aus dem Mittelalter gibt es im Englischen zwar auch die Metapher „bridge of asses“. Sie steht aber heute – wie auch „pont aux ânes“ im Französischen – für ein scheinbares Problem, das aus Unwissenheit oder Dummheit für unüberwindbar gehalten wird.

Den Ruf des arg beschränkten Gesellen hat das sympathische Grautier so oder so wohl für alle Zeiten weg.

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Was passiert nach dem Brexit eigentlich mit Englisch in der EU?

Die politische Diskussion zum Brexit beherrscht gerade die Schlagzeilen und beansprucht das Hirnschmalz der führenden Köpfe Europas in höchstem Maße. Doch im Windschatten dieser Diskussion führt das britische Solo auch zu einer Frage, die für Menschen höchst spannend ist, die an Sprache interessiert sind oder gar von ihr leben: Was passiert nach dem Austritt Großbritanniens mit der englischen Sprache in der EU? Wird sie als EU-Amtssprache gestrichen? Werden hunderte EU-Übersetzer und -Dolmetscher in der englischen Kabine arbeitslos?

Schon vor zweieinhalb Jahren, nach dem Brexit-Referendum, gab es erste Stimmen, die das Ende von Englisch als offizieller Amtssprache der EU voraussagten. Nachdem die Iren und Malteser neben Englisch auch Gälisch bzw. Maltesisch als offizielle Amtssprache verwenden, ist Großbritannien das einzige EU-Land, das nur Englisch als eigene offizielle Amtssprache bei der EU angemeldet hat. Doch schon damals gab es auch beruhigende Stimmen, die keine Gefahr für Englisch als Amtssprache der EU sahen. Und im vergangenen Sommer wurde dann auch seitens der EU Entwarnung gegeben – zum einen eben genau wegen der Iren und Malteser, zum anderen aber auch im Hinblick auf die möglicherweise separat der EU beitretenden Schotten, und vor allem angesichts der Tatsache, dass sich Englisch auch in der EU zu einer Art lingua franca entwickelt hat. Besonders treffend und süffisant wurde dies in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung geschildert, der für Englisch nach dem Brexit eine Zukunft als neutrale EU-Sprache ohne Heimvorteil für Muttersprachler sieht.

Das wäre schon kurios: Die Engländer verlassen die EU, „hinterlassen“ der EU aber ihre Sprache als die „neutrale“ Sprache, derer sich alle bedienen können. Auch das hat die SZ in dem genannten Beitrag kritisch thematisiert: „Mit dem Englisch, wie es in Großbritannien gesprochen wird, dürfte es dann aber mit der Zeit noch weniger zu tun haben als ohnehin schon.“ Diesem Aspekt widmete sich auch die Neue Züricher Zeitung in einem Artikel aus dem März 2018. Darin wird sogar ein spezieller euro-englischer Jargon – Eurish – beschrieben, der sich durch die zunehmende Nutzung des Englischen durch Menschen entwickelt, die eine andere Muttersprache haben. Dies wiederum führt zu einer weiteren kuriosen Konstellation: Die Briten haben zunehmend Mühe, das vermeintliche Englisch zu verstehen, das Nicht-Muttersprachler sprechen. Diese Tendenz wird übrigens auch von Dolmetschern außerhalb des Brüsseler Umfelds, z. B. auf dem Privatmarkt, beobachtet. Auf die Spitze gebracht, fragt sich der Autor des NZZ-Artikels, wie lange es wohl noch dauern wird, bis Texte von Eurish auf Englisch übersetzt werden müssen, damit sie auch von Briten verstanden werden können? Vielleicht müssten die englischen Universitäten dann gar entsprechende Kurse für Engländer anbieten, damit diese auch die Eurish-Variante erlernen. Doch mit solchen Problemen darf man die Briten in der aktuellen Phase sicher nicht behelligen – sonst würden die Austrittsbefürworter bei einem eventuellen zweiten Brexit-Referendum glatt auf 100 % kommen …

‚Be amazonized‘ und ’schwank‘ – die Sprache lebt !

Dass unsere Sprache einer permanenten Weiterentwicklung unterliegt, ist ja wahrlich nichts Neues. Zum einen bringt die Jugendsprache natürlich immer neue Begriffe hervor, mit denen sich Heranwachsende von den Erwachsenen abgrenzen wollen (z. B. das letztjährige Jugendwort des Jahres ‚I bims‘). Zum anderen entstehen durch die technologische und gesellschaftliche Weiterentwicklung ständig neue Konzepte, deren Bezeichnungen Einzug in den allgemeinen Sprachwortschatz finden, man denke nur an ‚Diesel-Fahrverbot‘ oder ‚Apps‘. Unter natürlich spielen auch die Presse und die Medien allgemein eine wichtige Rolle in der Weiterentwicklung der Sprache. Vor diesem Hintergrund gibt es nun zwei interessante neue Termini aus den USA und aus dem deutschen Sprachraum:

Unternehmen und Geschäfte jeglicher Branchen sind heutzutage gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu überdenken und die Möglichkeiten der Digitalisierung einzubeziehen. Denn wer es versäumt, auf den digitalen Zug aufzuspringen, ist schnell raus aus dem Geschäft. Und genau dafür haben kreative Sprachkünstler (vermutlich) in den USA einen passenden Ausdruck geschaffen: ‚to be amazonized‘. Dieser Terminus bezeichnet eine Entwicklung, bei der ein signifikanter Teil des Geschäfts in einer Branche plötzlich von einem Internet-gestützten Anbieter beherrscht wird.

Und auch im deutschen Sprachraum sind kreative Sprachkünstler am Werk. So berichtet die ‚ZEIT‘ in ihrer Ausgabe vom 22.08., dass immer mehr schwangere Frauen bereits in einer frühen Phase der Schwangerschaft von ihrem Arzt entweder ein generelles Beschäftigungsverbot oder eine Krankschreibung erhalten. Und für letzteren Umstand schuf der ZEIT-Journalist dann auch gleich einen neuen Ausdruck: ’schwank‘, aus ’schwanger‘ und ‚krank‘. Ob es sich nun wirklich um einen nachweisbaren Trend oder nur um eine falsche Auslegung von Statistiken oder gar um einen handfesten Schwank handelt – die Wortkreation ist doch wirklich nett.

Interessant ist in diesem Zusammenhang noch die Tatsache, dass die Wortschöpfung ’schwank‘ anscheinend originär aus dem deutschen Sprachraum kommt und nicht auf einem englischsprachigen Vorbild basiert – denn in der Regel kommen ja viele derartige Sprachkreationen aus dem amerikanischen Umfeld (man könnte sich ‚prill‘ aus ‚pregnant‘ und ‚ill‘ vorstellen). Der Grund könnte in diesem Fall in dem schwach ausgeprägten Gesundheitswesen in den USA liegen – aber das würde nun gar zu einer politischen Debatte führen, die wir an dieser Stelle nicht anstoßen wollen …

Treffen sich ein Franzose und ein Australier, …

Liest man diese ersten Worte, erwartet man ja in der Regel einen Witz. Nun würden zwar böse Zungen heutzutage auch eine Zusammenkunft zweier Präsidenten als Witz bezeichnen, und ein gewisses Lächeln huscht einem beim Lesen dieser Story auch über die Lippen – doch in einem anderen Kontext könnte man sich auch ernstere Konsequenzen ausmalen:

Bei seinem Staatsbesuch in Australien hat der französische Präsident Macron die Gattin seines australischen Gastgebers als „lecker“ oder „köstlich“ gelobt – als ob er sie gerade vernascht hätte. Doch das wollen wir dem neuen Star am europäischen Politikhimmel nun mal nicht unterstellen. Er hat sich wohl nur von einem falschen Freund reinlegen lassen. Denn das französische „délicieux“ drückt tatsächlich sowohl eine kulinarische Begeisterung als auch eine allgemeine Wertschätzung einer Person im Sinne von „reizend“ aus. Doch leider ist das englische „delicious“ rein auf die Kulinarik beschränkt.

Wenn man sich nun vorstellt, dass sich die Präsidenten zweier Atommächte treffen,
so ließe sich der Titel dieses delikaten Beitrags wohl am besten vervollständigen mit
„ … sollten sie einen Dolmetscher dabei haben“.

Online-Übersetzer – es hätte schlimmer kommen können

Kurioses von den Olympischen Winterspielen in Südkorea: Verschiedene Medien haben über die Eierbestellung für das norwegische Olympiateam berichtet. Die Köche, die die skandinavischen Skijäger und Schanzenspringer versorgen, wollten eigentlich 1500 Eier haben; doch durch einen Fehler bei der Übersetzung mit Hilfe eines Online-Übersetzungsprogramms wurden letztlich 15.000 Eier angeliefert. Da wären wohl so manchem Sportler die Eier zu den Ohren wieder rausgekommen – doch zum Glück konnten die zu viel bestellten Eier wieder zurückgegeben werden.

Unter anderen Umständen kann so was auch mal richtig ins Auge gehen, man denke nur an eine Bilanzpressekonferenz oder ein internationales Regierungstreffen …

Geschlechtergerechte Sprache – auch in Frankreich ein heißes Thema

Dass die Diskussion über die geschlechtergerechte Sprache, d. h. die geschlechtsneutrale Ausdrucksweise, nicht nur in Deutschland ein heißes Thema ist, zeigt dieser Artikel aus dem britischen Guardian, in dem über die Position der Académie Française zu genau diesem Thema berichtet wird. Die französische Sprachhüterin hat eine eindeutige Position bezogen, die nicht jedermann /- frau (?) gefällt.

Achtung Sprachkünstler – neue englische Begriffe !

Die Sprache lebt ja bekanntlich. Dem will sich auch das Oxford English Dictionary nicht verschließen und hat nun einige neue Begriffe aufgenommen, die sich im mündlichen Sprachgebrauch bereits etabliert haben. Aus Sicht der Sprachentwicklung ist sicher der Begriff „woke“ sehr interessant; seine ursprüngliche Bedeutung von „gut informiert, auf dem Laufenden“ hat sich vornehmlich durch den Gebrauch in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung afro-amerikanischer Mitbürger verengt auf die politische Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung und Unterdrückung.

Für Übersetzer und Dolmetscher dürfte auch „post-truth“ als Äquivalent zum deutschen „Postfaktischen“ hilfreich sein. Zum Schmunzeln hingegen ist die neue Verwendung von „son of a bachelor“ als Ausdruck der Verachtung.

Einen kurzen Überblick über die Neuaufnahmen in das Standardwörterbuch der englischen Sprache bietet unter anderem ein Artikel auf Spiegel Online.

Konzernsprache Englisch

Jetzt hat es auch PC erwischt (im Klartext: People’s Car, vormals bekannt als Volkswagen): die Konzernsprache wird Englisch. Wie das klingen könnte, darüber sinniert im besten Denglisch Hannes Hintermeier in der FAZ vom 16. Dezember. Wir wollen uns einstweilen nicht ausmalen, wie es denn wäre, wenn der VW Konzern chinesisch parlieren würde. Ernst Piech jedenfalls prophezeit einen baldigen Verkauf an die Chinesen…..