Über brockschnieder

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Beruhigungspille für Dolmetscher

Seien wir Englisch-Dolmetscher doch mal ehrlich: Ergreift in einer EBR-Sitzung ein schottischer Arbeitnehmervertreter das Wort und berichtet über die aktuelle Lage am schottischen Standort des Unternehmens, dann kommen wir mitunter schon gehörig ins Schwitzen. Man müht sich dann ab, hat sich nach ein paar Sätzen einigermaßen in den Dialekt eingehört, so dass die Übersetzung für die Zuhörer einen Sinn ergibt  – und sagt sich hinterher dennoch vorwurfsvoll: „Das gibt’s doch nicht; das ist doch mein Job und meine Sprache, also muss ich doch auch den Schotten mühelos verstehen.“ Wer in den Wochen und Monaten zuvor ein starkes Selbstwertgefühl aufgebaut hat oder gar Gefahr läuft, beruflich abzuheben, wird durch so ein Dialekt-Erlebnis schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Wie gut tut es dann zu lesen – zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2017 –, dass man nicht alleine so bedröppelt dasteht und dass selbst die britischen Parlamentarier Schwierigkeiten mit dem Dialekt ihrer schottischen (Noch-) Kollegen haben.

Wie sich Wörter in ihrer Bedeutung verselbständigen

Im Zusammenhang mit dem Ausscheiden der englischen Mannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich hat sich ein interessantes Beispiel für die Weiterentwicklung der Sprache ergeben. Eine britische Radioreporterin wollte das englische Team als „überbezahlte Pfeifen“ bezeichnete und drückte das in ihrer Muttersprache mit „overpaid nonces“ aus. Und in der Tat ist „nonce“ vor allem bei der jüngeren Generation ein geläufiges Schimpfwort für „Idiot“ oder „Weichling“. Zu dumm allerdings, dass der Reporterin der Ursprung des Begriffs nicht bekannt war – der im „offiziellen“ England nach wie vor die vorherrschende Bedeutung darstellt: „Nonce“ entstammt dem Gefängnisjargon und steht für „Not – On – Normal – Courtyard – Exercise“. Damit sind Gefangene gemeint, die von den anderen Insassen getrennt werden –  in den meisten Fällen handelt es sich um Pädophile.

Nachzulesen ist die Geschichte unter anderem hier.

Gerade bei den Schimpfwörtern haben wir ja auch im Deutschen einige Beispiele, bei denen ein Wort als mitunter böses, aber doch eher allgemein gemeintes Schimpfwort verwendet wird und die ursprüngliche Bedeutung in den Hintergrund gerückt ist. Doch derartige Beispiele will ich an dieser Stelle nun wahrlich nicht erörtern …

 

Kanzlerin benutzt englisches Idiom – na ja, fast richtig

Beim Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf der Hannover-Messe gab sich die deutsche Kanzlerin Merkel polyglott: Am Ende der kurzen Begrüßung vor der versammelten Presse wollte sie ihren Gast rasch in den Ausstellungsbereich lotsen, um vor Ort die neuesten Technologien in Augenschein zu nehmen. Anstatt also nur theoretisch über dieses und jene Produkt zu fachsimpeln, bevorzugte sie die persönliche, praktische Erfahrung im Sinne von „Probieren geht über studieren“. Und um Barack (und sicherlich auch die versammelte Presse) zu beeindrucken, brachte sie diesen Vorschlag auf Englisch vor: „The proof of the pudding is the eating“.

Dieses englische Sprichwort geht, manchen Quellen zufolge, bis ins 16. oder gar 14. Jahrhundert zurück und bezog sich möglicherweise nicht auf einen Pudding im heutigen Sinne, sondern bezeichnete eine eher deftige Speise aus den gefüllten Innereien eines Tiers – was der schottischen Nationalspeise Haggis sehr nahe kommt.

Wie auch immer – der entscheidende Punkt ist, dass die Kanzlerin zwar aus guter Absicht handelte, aber in der Umsetzung dennoch leicht daneben lag; denn korrekterweise lautet das englische Sprichwort „the proof of the pudding is in the eating“. Natürlich kann man bei diesem kleinen Lapsus angesichts der guten Absicht Nachsicht üben, aber dem gut informierten Dolmetscher ist die korrekte Redewendung sicherlich geläufig.

Interessante Namensgebung für Vorwahl-Tage in den USA

Am Dienstag, 26.04., finden im Rahmen des USA-Wahlkampfs für die Präsidentschaft die Vorwahlen in den Bundesstaaten Pennsylvania, Connecticut, Delaware, Maryland und Rhode Island statt. In den US-Medien, die ja generell schnell mit griffigen Kurznamen bei der Hand ist, um einen komplexen Sachverhalt für das gemeine Volk kurz und eingängig darzustellen, hat sich für diesen Tag die Bezeichnung „Acela Primaries“ etabliert. Aber was in aller Welt bedeutet „Acela“?

Es ist der Name des Hochgeschwindigkeitszugs, der von der amerikanischen Bahngesellschaft Amtrak betrieben wird und u. a. fünf Städte in genau diesen Staaten verbindet: Providence (Rhode Island), New Haven (Connecticut), Philadelphia (Pennsylvania), Wilmington (Delaware) und Baltimore (Maryland).

Der Name ‚Acela‘ selbst ist ein Kunstwort, das für die Einführung dieser Zugverbindung geschaffen wurde und die Begriffe „acceleration“ (Beschleunigung) und „excellence“ kombinieren soll.

Auch zu einem anderen Vorwahl-Tag gibt es eine interessante Story: Der Super Tuesday am 1. März mit Vorwahlen in insgesamt 13 Bundesstaaten (Alabama, Alaska, Arkansas, Colorado, Georgia, Massachusetts, Minnesota, Oklahoma, Tennessee, Texas, Vermont, Virginia, Wyoming) sowie dem US-Territorium Amerikanisch-Samoa wurde in den USA auch als ‚SEC Super Tuesday‘ bezeichnet. Börsenprofis würden vermuten, dass es sich bei „SEC“ um die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission handelt – weit gefehlt. Der Spitzname bezieht sich vielmehr auf sieben von diesen 13 Staaten, die im Süden der USA gelegen sind: Alabama, Arkansas, Georgia, Oklahoma, Tennessee, Texas and Virginia; die College-Sportteams dieser Staaten treten nämlich alle in der South-Eastern Conference an, einer geografisch abgegrenzten Liga im College-Sport (vergleichbar mit den früheren Fußballbundesligen „2. Bundesliga Nord und Süd“).

Neueste Kapriolen von Klopp und den Fußballdolmetschern

Auf der Pressekonferenz nach einem Champions League-Spiel konsekutiv zu dolmetschen, ist sicher kein Zuckerschlecken. Und wenn der beteiligte Trainer dann auch noch Jürgen Klopp heißt, kann es amüsant oder haarig werden, je nach Perspektive. Das musste auch der allgegenwärtige Fußballdolmetscher erfahren, der wohl nicht ganz mit der deutschen Metapher von den hoch hängenden Trauben vertraut ist und sie als paradiesisches Traumland interpretierte – was Jürgen Klopp natürlich sofort auf- und missfiel. Antwort des Dolmetschers auf Kloppos Kritik: „Wie würden Sie das denn übersetzen?“ …

Hier der betreffende Ausschnitt der Pressekonferenz nach dem Spiel des FC Liverpool in Augsburg.

Wie gesagt, Pressekonferenzen mit Kloppo sind kein Zuckerschlecken, aber gut informierte und qualifizierte Dolmetscher würden auch damit zurechtkommen.

Dolmetscherhonorar = gut angelegtes Geld

In der heutigen Zeit gibt es ja nicht wenige Menschen, die sich wundern, wofür man eigentlich noch Dolmetscher braucht und wieso man überhaupt noch Geld für einen Dolmetscher ausgeben sollte. Doch andererseits gibt es immer wieder Beispiele im Großen und im Kleinen, die zeigen, dass sich die Investition in einen Dolmetscher lohnt. So will auch der aktuelle VW-Chef zukünftig verstärkt auf Dolmetscher setzen.

Die Sprache lebt – den Smombies zum Trotz

Der Langenscheidt-Verlag kürt seit geraumer Zeit regelmäßig das Jugendwort des Jahres. Dabei können Jugendliche ihre Vorschläge auf einer Website einreichen und anschließend in einer Online-Abstimmung eine engere Auswahl ermitteln – aus der dann eine Jury das neue Jugendwort auswählt. Dieses Jahr hat „Smombie“ das Rennen gemacht, eine Kombination aus „Smartphone“ und „Zombie“ – gemeint ist damit eine Person, die so sehr auf ihr Handy fixiert ist, dass sie alles andere um sich herum gar nicht mehr wahrnimmt. Welche gelungene Wortschöpfung, da freut sich auch das Dolmetscherherz!

Diese Bezeichnung ließe sich auch trefflich für die immer wieder anzutreffenden Bahnfahrer verwenden, die sich im ICE-Großraumwagen mit einem Telefonpartner lautstark über die neuesten geschäftlichen, privaten oder gar intimen Entwicklungen austauschen und dabei gar nicht bemerken, dass die übrigen Mitreisenden (darunter auch hin und wieder ein Dolmetscher, der sich auf den nächsten Einsatz vorbereitet) neugierig, verlegen oder gar freudig erregt mithören …

Balkonien oder gar Naycation?

Haben Sie den Urlaub in Italien, Spanien oder der Karibik verbracht? Angesichts des durchgehend schönen Wetters im vergangenen Sommer war Balkonien sicherlich nicht die schlechteste Alternative. Wann und von wem dieser Begriff geprägt wurde, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Dass es jedoch – angelehnt an die in Ländernamen häufig vorkommende Endung „-ien“ – die scherzhafte Schöpfung eines neuen Landes darstellt, dessen größter Landesteil ein Balkon ist, leuchtet zweifellos ein.

Und was sagen eigentlich Briten und Amerikaner, wenn sie den Urlaub nicht in fernen Ländern, sondern auf dem heimischen Balkon verbringen, vielleicht „Balconia“? Das wäre zwar eine nahe liegende Übertragung des deutschen Konstruktionsprinzips ins Englische, doch leider kann ein englischer Muttersprachler damit wenig anfangen. Im Englischen spricht man vielmehr von „staycation“. Das ist, wie im Deutschen, eine scherzhafte Kombination zweier „richtiger“ Wörter, nämlich „stay (at home)“ – für „(zu Hause) bleiben“ – und „vacation“ – also „Urlaub“. Zwei nach demselben Prinzip funktionierende Wortschöpfungen, die jedoch weniger häufig anzutreffen sind, lauten „nearcation“ (also „Urlaub in der näheren Umgebung“) oder „naycation“ – d.h. „gar kein Urlaub“ („nay“ = „nein“).

Er versteht kein Deutsch – aber nimmt es mit Humor!

Ben Bloom, Journalist des englischen „The Telegraph“, stand dieser Tage vor einer großen sprachlichen Herausforderung: Er sollte einen Live-Blog zu der Pressekonferenz von Borussia Dortmund zum Abschied von Jürgen Klopp erstellen. Das Dumme daran war, dass die Pressekonferenz auf Deutsch und ohne Simultandolmetscher abgehalten wurde und Bloom des Deutschen nicht mächtig ist. Herausgekommen ist dabei ein amüsanter Blog-Post, in dem der Autor sich mehrfach über seine eigenen fehlenden Sprachkenntnisse lustig macht und bedauert, kein Deutsch gelernt zu haben – „I’d love to tell you what Klopp is saying. He is saying a lot. But I can understand precisely none of it“. Mit diesem lustigen Blog-Post wurde Bloom rasch zum Star der Internet-Gemeinde, und der Telegraph sah sich schließlich sogar veranlasst, in einem zusätzlichen Blog-Beitrag zu verkünden, dass Ben Bloom NOCH nicht gefeuert wurde, sondern sofort nach Dienstende einen Deutschkurs aufgenommen hat. Der äußerst unterhaltsame Wortlaut ist hier zu finden.