RSI – Remote Simultaneous Interpreting – eine Annäherung

RSI – derzeit ein vieldiskutiertes Thema unter den Dolmetschern. Was wird uns die Zukunft bringen? Gehen wir unserer Arbeit künftig nur noch von großen Dolmetschzentren – sogenannten „Hubs“ – aus nach? Oder sitzen wir gar im Home-Office am Telefon und dolmetschen „aus der Ferne“ über eine Cloudlösung? Welche Probleme oder Bedenken gibt es?

Nach einer internen Vorbereitung mit Brainstorming über diverse Anbieter von Cloudlösungen für RSI, die DIN-/ISO-Normierung und die Initiativen der Berufsverbände in Bezug auf RSI stand für euro communication ein Besuch eines RSI-Hubs bei Stuttgart an.

Der Betreiber des Hubs ist eine große Veranstaltungstechnikfirma, die neben der Eventtechnik auch Konferenztechnik fürs Dolmetschen anbietet. Empfangen wurden wir vom Leiter des Bereichs Konferenztechnik und einer Konferenzdolmetscherin, die im Hub die speziellen Belange der Dolmetscher beim RSI vertritt.

Bisher befanden sich Dolmetscher, Kabinen, Konferenztechnik und Techniker meist am Veranstaltungsort, wenn auch manchmal aus Platz- oder ästhetischen Gründen in einen anderen Raum „ausgelagert“. Solche Bedingungen sind für die Dolmetscher oft beengt, Bildschirme klein und der Zugang nicht einfach. Vorteil beim Dolmetschen vor Ort ist der direkte Kontakt zwischen dem Veranstalter und dem Dolmetscher. Es fallen Reisekosten, Übernachtungskosten und Transportkosten für die Technik an.

Im Zuge der Digitalisierung und der Verbreitung künstlicher Intelligenz wird der Ruf nach dem „digitalen Dolmetscher“ immer lauter, und im Zusammenhang mit „green events“ und dem ökologischen Fußabdruck stellt sich die Frage, ob der Dolmetscher immer vor Ort sein muss. Unter bestimmten Umständen kann es bequem sein, nicht oder nicht weit reisen zu müssen. Ebenso stellt sich die Frage, ob ein Redner immer vor Ort sein muss – auch hier fallen Reise- und Übernachtungskosten an, und mancher Manager wäre vielleicht froh, wenn er nicht so viel reisen müsste.

Cloudlösungen zum Dolmetschen, die als App auf einem Rechner installiert werden, könnten über eine Datenverbindung von einem beliebigen Ort aus genutzt werden. Allerdings gibt es hier aktuell noch viele Bedenken in Bezug auf die Übertragungsgeschwindigkeit, Datensicherheit und Vertraulichkeit.

Wie gewährleistet man nun in Zeiten der DSGVO die Sicherheit der Leitungen und die Geheimhaltung?

Die vom Hub-Betreiber angebotene Lösung ist ein zentrales Büro, ausgestattet mit komfortablen Kabinen, in denen sich große Bildschirme befinden, sowie einer schnellen, sicheren Datenleitung zur Übertragung von Ton und Bild. Hier erbringen die Dolmetscher ihre Leistung. Für den Hub gilt grundsätzlich eine Geheimhaltungsvereinbarung. Falls im Hub über eine Cloudlösung gedolmetscht werden soll, bietet der Betreiber separate Laptops für die Cloudanbindung an.

Am Konferenzort ändert sich für die Teilnehmer nichts, außer, dass die Delegierten keinen Kontakt mehr zu den Dolmetscher*innen haben. Mikrofone, Lautsprecher und Videotechnik werden wie gewohnt eingesetzt. Die Ton- und Bildübertragung zum Dolmetscher erfolgt über eine abhörsichere 256-bit-verschlüsselte VPN-Leitung (Tunnel), die über ein Serverzentrum in Frankfurt und von dort aus wiederum per VPN-Tunnel den Veranstaltungsort mit dem Hub verbindet. Um eine zuverlässige Übertragungsgeschwindigkeit von Ton und Bild zu garantieren, verwendet der Hub-Betreiber hochwertige Streaming- und Videotechnologie. Die Übertragung erfolgt über 100-Mbit symmetrische Internet-Anschlüsse, die im Backup-Betrieb laufen. Symmetrisch bedeutet: mit gleicher Up- und Download-Geschwindigkeit. Pro Leitung sind 98,5% Ausfallsicherheit garantiert – davon kann der private User im Home-Office nur träumen. Die nächste Technologiestufe sind hier LTE-Leitungen. Darüber hinaus gibt es ein Backup für alle technisch notwendigen Systeme. Pro Stream sind 16 Audiospuren, also 16 Sprachen möglich. Der Hub bietet zudem einen Gehörschutz für Dolmetscher.

Und last but not least sind Techniker vor Ort, die eventuelle Probleme lösen können.

Am Konferenzort empfangen die Zuhörer die Verdolmetschung über UHF oder Infrarot, das ist der gewohnte, bewährte und sichere Standard. Da Kopfhörer mitunter als „nicht sexy“ empfunden werden, könnte „Bring Your Own Device“ (BYOD) – der Empfang mit dem eigenen Mobiltelefon und eigenen Kopfhörern – eine Option sein. Dies liegt klar im Trend, erspart die Ausgabe/Rückgabe von Empfängern, die Frage der Hygiene der Kopfhörer entfällt, allerdings sind Abstriche bei Sicherheit/Vertraulichkeit /Datenschutz zu machen. Beim Zugang über ein allgemeines Portal mit einem für alle Konferenzteilnehmer gleich lautenden Passwort stellt sich vor allem die Frage der Datensicherheit, bei einer persönlichen Anmeldung mit individuellen Passwörtern könnte der Benutzer evtl. sogar für den Service bezahlen müssen.

Die Verantwortung für den tatsächlichen und störungsfreien Empfang wird auf den Benutzer übertragen. Hat er sein Gerät dabei? Ist es ausreichend aufgeladen? Hat er Kopfhörer dabei? Reicht sein Datenvolumen für die Übertragung oder wird ein lokales WLAN eingerichtet, in das sich die Zuhörer einloggen können. Auch hier stellt sich wieder die Frage der Datensicherheit.
Eventuell könnte eine Veranstaltungs- oder Empfangs-App auf dem Gerät installiert werden, aber auf Firmenhandys ist dies nicht immer möglich oder erwünscht.

Unter technischen und datenschutzrechtlichen Aspekten ist ein Hub aktuell eine gute Lösung zum Simultandolmetschen aus der Ferne. Eine kleine Einschränkung stellt die fehlende direkte Kommunikationsmöglichkeit mit dem Kunden bzw. mit den Teilnehmern dar, die eine Person am Konferenzort stellvertretend für die Dolmetscher übernehmen muss, oder die in Form eines Video-Briefings vor der Konferenz erfolgen kann. Der Hub scheint bestmögliche technische Bedingungen zu gewährleisten – das Arbeiten im Team von zwei Konferenzdolmetschern am gleichen Ort in perfekt ausgestatteten Kabinen.